#ibizagate: aufbegehren, jetzt erst recht

Weinglas auf dem Boot

Was mich der Ibiza-Skandal über unsere Gesellschaft, toxische Männlichkeit und die Wirkung von Wodka-Red Bull lehrte.

„Jetzt erst recht“, steht da. Mit Ausrufezeichen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll – am liebsten beides in dieser Reihenfolge. Es ist Heinz Christian Strache, der diesen Satz auf seiner Facebook-Wall postet. Ich kann das nicht ernst nehmen. Im ersten Moment finde ich es sogar ziemlich lustig und bin versucht, zu fragen: „Was darf Satire?“ Doch ich weiß, dass er es ernst meint – und mit ihm viele andere.

Zu diesem Zeitpunkt ist Strache seit knapp einem Tag Österreichs Ex-Vizekanzler, nachdem ihn veröffentlichte Ausschnitte aus einem 2017 geheim aufgenommenen Video politisch zu Fall brachten. Darin zu sehen: HC Strache und Johann Gudenus in einer Villa auf Ibiza, in der sie mit einer vermeintlichen russischen Oligarchin bei Wodka-Red Bull offen über Korruption sinnieren. Über illegale Parteispenden und die Möglichkeiten, die Österreichische Pressefreiheit zu untergraben, oder besser, zu kaufen.

„Besoffene G’schicht“: Alkohol und schöne Frauen

In seiner Rücktrittsrede sagte Strache, das Video zeige „peinliches Machogehabe, mit dem er wahrscheinlich die attraktive Gastgeberin beeindrucken wollte“ und banalisiert damit die brisanten Inhalte und sein eigenes Fehlverhalten, als hätte man ihn auf dem Zeltfest beim Flirten mit der Zigarettenverkäuferin erwischt. Von ihm sind vor allem Schuldzuweisungen – an alle außer ihn selbst – und sexistische Muster zu hören. Wir lernen: Wenn eine hübsche Frau und Alkohol im Spiel sind, scheint das jede verantwortungslose Handlung zu rechtfertigen. Bravo. 

„Wenn eine hübsche Frau und Alkohol im Spiel sind, scheint das jede verantwortungslose Handlung zu rechtfertigen.“

Es ist die toxische Männlichkeit, die spricht. Als Landkind lernte ich sie schon früh kennen: Das oberflächliche Machogehabe, die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, eine „besoffene G’schicht“ als Ausrede für quasi alles. 

Noch weniger Anstand hat offenbar nur Johann Gudenus. „Joschi“, wie er von Strache genannt wird, sieht sich gar als „Opfer von K.O.-Tropfen“. Im Video ist Gudenus anders zu sehen: Stehend, als er seine Arme ausstreckt und die Hände zu einer Pistole formt, zum Beispiel. Es hätte nur zwei Sekunden gedauert, um auf Google herauszufinden, dass K.O.-Tropfen anders wirken als Wodka-Red Bull. Aber wer könnte auch glauben, dass es in dieser Debatte jemals um Tatsachen ging. Was hier präsentiert wird, ist schamlose Täter-Opfer-Umkehr.

Mit Täter-Opfer-Umkehr ins EU-Parlament

Dass dieses unglaubliche Verhalten bei Männern, selbst wenn sie politische Ämter innehaben, von großen Teilen der österreichischen Gesellschaft nicht nur akzeptiert, sondern auch unterstützt wird, erfahre ich schon knapp eine Woche später.

„Trotz des Ibiza-Skandals konnten die Identitären und die FPÖ Wählerinnen und Wähler mobilisieren“

Bei der EU-Wahl vergangenen Sonntag. Trotz des Ibiza-Skandals konnten die Identitären und die FPÖ Wählerinnen und Wähler erfolgreich dafür mobilisieren, HC Strache ihre Vorzugsstimmen zu geben. Er erhielt sogar mehr als die 32.000 Stimmen, die er gebraucht hätte, um Anspruch auf ein Mandat im EU-Parlament zu haben. 

Das Schlimme daran: Es überrascht mich nicht wirklich. Mehr überrascht mich beinahe, wie oft ich in der vergangenen Woche aus Empörung „Oida!“ gedacht, vielleicht manchmal sogar gemurmelt, habe.

„Richtige Patrioten verkaufen die Kronen Zeitung an österreichische Oligarchen“

Am Tag des Rücktritts hatten bei der Demonstration am Wiener Heldenplatz viele euphorisch zu „We’re Going to Ibiza!“ getanzt und dabei Schilder in die Luft gehalten. „Richtige Patrioten verkaufen die Kronen Zeitung an österreichische Oligarchen“, stand auf einem. Auf einem anderen: „Böhmermann for Kanzler“. 

Jan Böhmermann könnte es erneut geahnt haben – in seiner aktuellen Ausstellung im Grazer Kunsthaus hatte er zumindest schon Schlupflöcher für Faschisten installiert.

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